breaking the ice
Schon das Äußere bricht das Eis einer normalen Konzertveranstaltung:
der Hinweis "Keine Bestuhlung, bitte Kissen mitbringen" bezieht sich auf den
Ort, den modernen, hellen Saal im japanischen Design - er ist Teil des forums
ki shin tai im Hinterhof von Mietwohnungen an der Kölner Beethovenstraße.
Man sitzt am Boden oder auf niedrigen Polstern, in freier Gruppierung,
ohne vorgegebene Plätze. Ein Teil des Raums ist einfach freigelassen für die
Musikergruppe - es gibt keine erhöhte "Bühne", also auch keinen künstlichen Abstand
zwischen Vorführung und Publikum - und das ist wiederum Programm, denn die Musik,
die hier gemacht wird, begibt sich "unter die Leute".
Es sind Melodien, die man früher in Kneipen, Theatern, beim Tanzen,
auf der Straße und im Saal hören konnte und deshalb kannte:
z.B. um 1600 in London, in der Stadt in Gasthäusern von Privatleuten, aber auch
am königlichen Hof bei Tanzfesten. Melodien, eingekleidet, verändert, bearbeitet
zu drei, vier und fünf Stimmen für eine Gruppe, ein Consort von Streichinstrumenten,
und zwar - das ist zwischen 1550 und 1600 absolut das Neueste - für Violinen: Instrumente
und Spieler, die zuerst aus Venedig an den königlichen Hof in London geholt wurden.
Wie in Italien üblich, nahmen sie bekannte Melodien und boten sie mit
atemberaubend virtuosen Variationen dar, sie nahmen markante Basslinien und erfanden
immer neue Melodien und Veränderungen dazu, Tanzsätze und Lieder aus gedruckten
Sammlungen wurden für wechselnde Besetzungen bearbeitet und damit immer wieder neu
komponiert.
Einiges von diesen Improvisationen hat man damals aufgeschrieben,
z.T. sogar gedruckt, und dies ist der reiche Fundus, aus dem das neugegründete
Ensemble und seine Leiterin Paula Kibildis schöpfen.
Violinmusik im Consort - das ist eine neue Klangfarbe,
die manchmal an die Töne der heute in der Volksmusik beliebten irischen oder
skandinavischen Geiger anknüpft. Der schöpferische und ideenreiche Umgang mit diesem
Fundus, der Übergang von Volksmusik in Kunstmusik und umgekehrt:
das ist "Breaking the ice" - reizvolle Klänge, temperamentvolles Spiel,
offene Darbietungsform und viel Spaß bei der Sache - auch und vor allem für das Publikum.
Barbara Schwendowius, 31. 8. 2004



