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pounding down the brews

Schnell gezapft und ewig haltbar - englische Trinklieder und Tänze

Um 1600 war Europa zum Schlachtfeld von Religionen geworden, England wurde von Verschwörungen und Aufständen erschüttert und trieb dem Bürgerkrieg entgegen, dem Regime der Puritaner, die in den Kirchen die Bilder zerstörten, den Schmuck von den Altären schlugen. Klöster gingen in Flammen auf, Bauern wurden von ihrem Land vertrieben. Stets wurde Krieg geführt, stets drohte die Pest. Die Erde selbst war dabei, vom Mittelpunkt des Universums an den Rand zu geraten. „Alle Dinge schaukeln ohne Unterlass“, hatte der französische Essayist Montaigne geschrieben. Sein jüngerer Zeitgenosse Shakespeare fand in England viel Material für diesen Befund unter Königin Elisabeth I., die, als hehre Jungfrau gefeiert, zahlreiche Liebhaber verschliss, Widersacher gnadenlos töten ließ und die Musik liebte.

Unzählige Tänze und Lieder entstanden in diesen Zeiten und künden vom Bedürfnis, ins Vergnügen zu flüchten. Man hört ihnen aber auch den Glanz jener Jahre an. Kultur und Handel blühten in London, die Themse wimmelte von Booten, über die gepflasterten Straßen der 250000-Einwohner-Metropole rasselten die Kutschen der Vornehmen. Zum „The Devil and St. Dunstan“ ging man aber auch zu Fuß. Das war ein Künstlerlokal in der Fleet Street gegenüber der Kirche St. Dunstan. Dem Wirt Simon Wadloe galt das Lied „Old Simon the King“. Bei ihm tranken die Dichter der Unsterblichkeit entgegen, die sie in den verbleibenden Stunden auch noch schreibend erreichten - Leute wie William Shakespeare und Ben Jonson, die Dramatiker. Dass beide zusammen zechten, ist nicht verbürgt, steht aber mindestens so fest wie ein Glas auf dem Tisch in "The Devil and St. Dunstan"…

Über der Tür zum Apollo Room mit dem Stammtisch der Jonson-Runde prangte in Gold auf Schwarz ein Grußpoem. "Hang up all the poor hop-drinkers, cries Old Sym, the King of Skinkers", so erfuhr man da als hopfenfeindliche Aufforderung zum Weingenuß. "Skinker" heißt Schenker, also Ausschenker, Schankwirt. Wenn "Old Simon the King" und andere Weisen in Jonsons Club zur Aufführung kamen, war Qualität gefragt. „Let no saucy fiddler presume to intrude“, hieß es in den Regeln der Weinrunde, „mög´ kein frecher Fiedler sich Zutritt erdreisten“ – es sei denn, er wäre heiter und geistreich. Es lässt sich daraus schließen, dass Bettelmusikanten mindestens so allgegenwärtig waren wie heute in Touristenlokalen. Verpönt im Club waren auch schlechte Laune und verdünnter Wein; Zutritt hatten neben den Literaten deren Frauen und Freundinnen. Liebespaare durften sich sogar in einen Nebenraum zurückziehen, „where they in soft sighs may their passions relieve.“ Und über alles, was im Club gesagt und getan wurde, war zu schweigen…
 
Doch über alles, was Menschen bewegt, gibt es Lieder. In der Unsicherheit und Undurchsichtigkeit der Zeitläufte hielt man sich an die Tänze, die Themen und Typen des Tages. Schankwirt Sam war nur einer von vielen local heroes, die in griffigen Weisen verewigt wurden. Da gab es zum Beispiel den legendären Sir John Packington, der 3000 Pfund darauf wettete, er werde die Themse von der Westminsterbrücke bis zu der von Greenwich schwimmen. Über sechzehn Kilometer also! Offenbar hatte Elizabeth I. ein Auge auf ihn geworfen: Aus Sorge um den schmucken Mann untersagte sie ihm den Rekordversuch.

Was davon blieb, war die populäre Weise „Packington´s Pound“, die es bis in Queen Elizabeth´s Virginal Book schaffte und unzählige Male neu betextet wurde. Auch von Ben Jonson, der das Lied in seiner Komödie "Bartholomew Fair" so einführt: „To the tune of Paggington´s Pound, Sir.“  „Fa, la la la, la la la, fa la la, la! Nay, I´ll put thee in tune and all! Mine owne country dance! Pray thee begin.“
Und dann folgen zehn Strophen, von Kommentaren unterbrochen…

Wer damals nicht mit Jonson dem Wein zusprach, konnte auch als Bierliebhaber in gewitzte Gesellschaft geraten. Da musste nur der Malzpreis sinken, schon entstand ein Kneipenkanon wie "Malt´s come downe" - gut genug, um von einem Genie wie William Byrd für Tasteninstrument gesetzt zu werden. Ein Sammelbegriff für unterschiedlichste Alkoholika, vor allem für Biere, war "Barley-Corne", Gerstenkorn, das in seiner stärksten Form aus Yorkshire und als "Stingo" auf den Tisch kam. Und in die Musik. Man ahnt, aus wievielen Fässern die Melodien hervorsprudelten, die so schnell gezapft wie lange haltbar sind. „There's a lusty liquor which good fellows use to take…”, so beginnt der Originaltext. Das Bier entfaltet dann fast philosophische Wirkung und zeigt, dass sich ein Widerspenstiger in ein mildes Wesen verwandeln kann…

            Thus the Barly-Corne hath power
            Even for to change our nature,
            And make a shrew, within an houre,
            Prove a kindhearted creature:
            And therefore here, I say againe,
            Let no man tak't in scorn
            That I the vertues doe proclaime
            Of the little Barly-Corne.

Erstmals gedruckt wurde diese Weise 1651 in „The English Dancing Master“. John Playford versammelte darin 105 beliebte Melodien nebst Tanzanweisungen und landete einen Megaseller. Zu „Stingo“ entstanden später noch viele andre Texte. Als “Cold and Raw“ kannte später Queen Mary das Lied und schätzte es so sehr, dass sie einmal keinen Geringeren als Henry Purcell beim Vortrag seiner Kompositionen unterbrach - und eine Sängerin bat, den alten Hit zur Laute vorzutragen. Purcell wartete schweigend am Cembalo und revanchierte sich charmant: In einer Arie, die er zum nächsten Geburtstag der Königin komponierte, war die „Stingo“-Melodie im Bass der Begleitung zu hören.

Ganz umgekehrt, nämlich vom ernsten Gesang zum Trinklied verlief das Schicksal des Songs „Paul´s Steeple“, der 1684 in Playfords „The division violin“ erschien und da schon über hundert Jahre alt war. Als der Kirchturm von St. Paul – nicht zu verwechseln mit der späteren Kathedrale - am 4. Juni 1561 durch Blitzschlag  niederbrannte, wurde ein Lamento komponiert. Der Blitz erscheint darin als göttliche Strafe für die sündigen Londoner.  

                            Lament each one the blazing fire,
                            That down from heaven came,
                            And burnt S. Powles his lofty spire
                            With lightning's furious flame.
                            Lament, I say,
                            Both night and day,
                            Sith London's sins did cause the same.

Die Melodie passte dann auch auf den Duke of Norfolk, den Elizabeth I. weniger schätzte als den erwähnten Sir John. Sie ließ ihn als katholischen Verschwörer enthaupten, und sein Schicksal wurde in einer Ballade besungen: „I am the Duke of Norfolk“. Noch später wurde ein Trinklied daraus. Stundenglas und Weinglas sind halt nicht allzu weit voneinander entfernt.

Wie bei den "Wakes" - das waren Trauerfeiern, auf denen viel getrunken und getanzt wurde, so exzessiv, dass die Kirche immer wieder dagegen einschritt. Bei solchen Anlässen geigten sich Fiddler ihren Lohn zusammen, die mitunter auch dafür berühmt wurden, dass sie ihn gleich wieder vertranken. Und als "Rosin the Bow" sein Glas zuviel hatte, entstand eine Totenklage mit beträchtlichem Whiskyanteil. Und zu welcher Musik tanzten die, die noch konnten? Eine der ältesten, geradezu ein Synonym für Tanzmusik, hieß „Sellinger´s Round“, nach ihr sollen sogar die Trinkgläser vor Freude gehüpft sein, und in einer Komödie von 1607 heißt es, die Planeten selbst bewegten sich zu dieser Melodie – weswegen sie auch „Der Anfang der Welt“ heiße.

Dabei war die Welt aus den Fugen und nicht mal auf die Liebe Verlass. Das verrät schon der Titel eines der berühmtesten Lieder der Zeit: "Light of Love". „Light“ hat einen Doppelsinn. Neben dem Licht der Liebe schwebt auch die Leichtfertigkeit, der Leichtsinn, die leichte Bekleidung der Londoner Freudenmädchen: „One of your London Light o´Loves, a right one, / Come over in thin pumps, and half a petticoat“, dichtete John Fletcher. Und William Shakespeare schrieb in „Zwei Herren aus Verona“ einen durchtriebenen Dialog rund um einen gereimten Liebesbrief, den eine Dame erhalten hat. Sie und ihre Zofe überlegen, zu welcher Melodie man ihn am besten sänge. „Der Ton für sowas kann nicht leicht genug sein“, sagt die Dame stolz, „am besten singst du es zu Light of Love…“. Es wird dann doch noch ernst mit der Liebe – und endet gut. Das Lied dazu ist eine zutrauliche, zärtliche Weise - und uns heute so nah wie die taumelnde Welt, in der es vor 400 Jahren gesungen und gespielt wurde.

Volker Hagedorn

Created by nlz
Last modified 06.09.2007 11:47

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