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divide and conquer

Der Triumph der Verzierung im 16. und 17. Jahrhundert

Am 4. März 1656 klappt John Evelyn, englischer Landedelmann, Freund von Samuel Pepys, Kunstkenner, nachts in London sein Tagebuch auf und notiert: ”Ich war eingeladen, um den unvergleichlichen Thomas Baltzar auf der Geige zu hören. Der Einfallsreichtum, zu dessen Anregung ihm wenige Noten genügen, war bewundernswert.” Der genialisch virtuose Geiger aus Lübeck stand in London auf dem Gipfel einer Entwicklung, die gut ein Jahrhundert zuvor in Italien begonnen hatte. Vertraute Werke und Weisen wurden verziert und variiert. Tollkühn entfernten sich Improvisationen von ihren Vorlagen, und Volkslieder konnten zu Keimzellen auskomponierter Kunstwerke werden.

“Division” nannten die Engländer den Kern dieser Verwandlung, “Teilung”. Aus einer Note der Vorlage, dem “Ground”, wurden viele kleine. Skalen, Triller, Rhythmen, Arpeggien. Über die bescheidenen Schlenker, die vielen klassischen Musikern heute als Verzierung genügen, ging das weit hinaus. Aus dem melancholisch schönen Lied “John come kiss me now” hat der brillante Baltzar ein Feuerwerk gemacht (und seine Improvisation erfreulicherweise schriftlich fixiert). Aus demselben Lied schuf William Byrd schon am Anfang des 17. Jahrhunderts ein Vermächtnis seiner Kunst – sechzehn Variationen mit immer dichter und prächtiger werdenden “Divisions”. Oder Diminuitionen.

“Minuir”, verkleinern, so hieß in Italien das verzierende Notensplitting. Das Quellgebiet der musikalischen Ornamentik lag südlich der Alpen, und einer der berühmtesten Verzierer war Girolamo della Casa. Mit seinen Brüdern formte er das erste feste Instrumentalensemble an San Marco, die “piffari”, und 1584 veröffentlichte er “Il vero modo di minuir”, die “wahre Verzierungskunst”. Dass damals Lehrwerke zugleich Kunstwerke waren mit Exempeln, die auch fürs Konzert taugen, ist nicht nur bei della Casa gut zu hören, sondern auch bei Giovanni Bassano. Er war unter della Casas Leitung Zinkenist in San Marco und publizierte 1585 seinerseits ein Handbuch der Ornamentik.

In seinen Beispielen können aus einer langen Note achtzehn kurze werden und den Ambitus einer Dezime umfassen. Anders als sein Chef della Casa schreckte Bassano nicht davor zurück, sogar kontrapunktische Musik noch mit Rankenwerk zu überziehen. Am Ende des 16. Jahrhunderts war die Kür des Ornamentierens zur Pflicht geworden – vom Instrumentalisten bis zum Sänger. Eine “große Menge von Tönen im richtigen Zeitmaß und mit der nötigen Schnelligkeit” müsse schon sein, schrieb Lodovico Zacconi 1591 in einem Lehrbuch, sonst werde “den Zuhörern wenig Befriedigung gewährt.”

Den Weg nach Norden bahnte diesen Künsten die Begeisterung der Engländer für alles Italienische. Schon 1540 ließ Heinrich VIII sechs Geiger aus Venedig nach London kommen (und bezahlte ihnen auch die Kanalüberquerung von 66 Pfund). Einer von ihnen, Ambrosio Lupo, gründete in London eine Dynastie von Musikern. Sein Sohn Pietro spielte mit im höfischen Streicherconsort, und von ihm sind wohl auch die mit “Peter” signierten “Divisions” in der Hofbibliothek. Wohl noch größer war der Einfluss der Familie Bassano, zu der auch der erwähnte Venezianer Giovanni gehörte. Diese Musiker haben weit über ein Jahrhundert, etwa von 1530 bis 1650, das Londoner Musikleben inspiriert, Instrumente gebaut, Madrigale und Tanzsätze aus Italien verbreitet.

Die Lust am Improvisieren, am Arrangieren, am Dekorieren, am Spielen überhaupt, die von der Halbinsel im Süden kam, hat auf der Insel im Norden die Größten entflammt. Das prominenteste Gipfeltreffen kam zustande zwischen zwei Zeitgenossen Shakespeares: William Byrd bearbeitete John Dowlands “Pavana Lachrymae”, das berühmteste Lautenstück jener Zeit, fürs Virginal. Die Pavane, ein Tanz, wird bei Dowland zu herztiefer Lyrik ohne Worte (und später zum Lied “Flow my tears”), von Verzierungen reich beflügelt. An solche Musik mag Shakespeare gedacht haben, als er für Prosperos Insel dichtete: “Da schlich zu mir Musik her übers Wasser / Und stillte meinen Schmerz und seine Wogen / Mit ihrem süßen Klang: drum folgt´ich ihr / Oder zog sie mich nach?”

Text: Volker Hagedorn





Giovanni Bassano
1560-1617

Frais et gaillart
Motetti, madrigali,1591
Riccardo Rognoni
c1550-1620

Anchor che co'l partire
Passaggi,1592
Girolamo Dalla Casa
? -1601

A la dolc'ombra
Il vero modo di diminuir, 1584
Anonymous, c1520
La morte de la ragione
La Rocha el fuso






John Dowland, 1563-1626
set by William Byrd, c1540-1623

Pavana Lachrymae
The Fitzwilliam Virginal Book, c1610
Thomas Baltzar
c1631-1663

Prelude
The Division Violin, 1684
Davis Mell, 1604-1662
Thomas Baltzar
William Byrd

John come kiss
The Division Violin, 1684
Paula Kibildis, b1957
All in a garden green
John Bull, c1562-1628
The King's Hunt
The Fitzwilliam Virginal Book, c1610
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